30.8.2003 Bieler Tagblatt
Lucerne Festival
Aussergewöhnliches und ganz normal Gutes
Das diesjährige Lucerne Festival begann fulminant mit den
Auftritten des von Claudio Abbado gebildeten neuen Festivalorchesters.
Inzwischen ist nach zwei Festivalwochen wieder ein bisschen Alltag eingekehrt.
Daniel Andres
Das Festival von Luzern ist nicht nur das wichtigste der
Schweiz, es konkurriert auch mit den grossen Anlässen in Europa, insbesondere
mit Salzburg, wobei dort neben sinfonischer Musik auch die Oper seit je im
Zentrum steht.
Das Tüpfelchen auf dem i bildete dieses Jahr in Luzern das
eigene Festivalorchester, das Claudio Abbado um sich geschart hatte und das am
Eröffnungstag bei Publikum und Kritik für Furore sorgte. Auch die
nachfolgenden Konzerte, vor allem die zwei Aufführungen der zweiten Sinfonie in
c-moll von Gustav Mahler, der „Auferstehungs"-Sinfonie, waren echte
Ereignisse, die haften bleiben und den künftigen Massstab bestimmen.
Im Orchester sassen ja neben dem Grundstock des Gustav
Mahler-Kammerorchesters ganze Kammermusikensembles wie das Hagen-Quartett, das
Bläserensemble von Sabine Meyer und ehemalige wie amtierende Stimmführer etwa
der Berliner und der Wiener Philharmoniker und dazu noch etliche Solisten, aber
alle auch mit Orchestererfahrung unter Abbado. So musste Abbado die Musik nicht
aus dem Orchester heraus holen, sondern man spürte förmlich, wie jeder Bläser
und jeder Tuttigeiger in jedem Augenblick sein Allerbestes gab. Was nicht
selbstverständlich bei dieser Besetzung ist: Das Orchester klang in jedem
Register und als Ganzes hervorragend und leistete mit dem Dirigenten zusammen
eine hoch erfüllte interpretatorische Identifikation mit dem Werk, so dass
sogar Einwände gegen die Komposition, die auch heterogen wirken kann,
verstummen mussten. Ausgezeichnete Solisten – die Sopranistin Eteri Gvazava
und die Mezzosopranistin Anna Larsson – sowie der schlicht unübertreffliche
Chor ‚Orfeón Donostiarra´ aus Spanien trugen zu einer Aufführung von kaum
zu überbietender Tiefenwirkung bei.
Offenbar konnte das erste der sechs eingeladenen
Residenzorchester, das Pittsburgh Symphony Orchestra unter Mariss Jansons, in
drei Konzerten das vorgegebene Niveau halten und nicht bloss perfekte
Wiedergaben, sondern interessante und in die Substanz der Werke schürfende
Aufführungen liefern.
Es folgte das Gustav Mahler-Jugendsinfonieorchester unter dem
als „Artiste étoile" eingeladenen Hamburger Dirigenten Ingo Metzmacher.
Der zu den jüngeren „Pultstars" zählende Metzmacher bot mit dem jungen
Orchester wie von ihm erwartet neuere Musik mit den „Offrandes oubliées"
von Olivier Messiaen und dem „Concerto funèbre" für Violine und
Streichorchester von Karl Amadeus Hartmann. Beide Interpretationen von
unwahrscheinlicher Klangqualität und auch mit Tiefgang, wozu der Geiger
Leonidas Kavakos mit unglaublicher Klangschönheit und Verinnerlichung
entscheidend beitrug. Die nachfolgende fünfte Sinfonie von Gustav Mahler war
wiederum ein eindringliches Erlebnis. Zum einen konnte man unmittelbar mit der
drei Wochen vorher stattgefundenen Aufführung eines andern Jugendorchesters der
Spitzenklasse, dem „UBS Verbier Festival Youth Orchestra" unter James
Levine, vergleichen. Während Levine unter akustisch schlechteren Bedingungen
auf Klarheit und Transparenz setzte, arbeitete Metzmacher im akustisch
hervorragenden grossen Saal des KKL Luzern auf Plastizität und holte jede noch
so scheinbar unbedeutende motivische Beziehung aus einem äusserst intensiv
mitgehenden Orchester heraus.
Etwas Ernüchterung folgte bei den Auftritten des „Concertgebouw"-Orchesters
aus Amsterdam mit ihrem langjährigen Chef Riccardo Chailly. Offenbar kam schon
das erste der drei Konzerte nicht über eine gute Gewohnheitsleistung, wie man
sie von einem so reputierten Orchester erwartet hinaus. Das zweite Konzert
brachte mit den Sinfonischen Metamorphosen von Paul Hindemith ein etwas
lärmiges und auf Effekte bedachtes Werk. Zum Schluss gab das Orchester ohne
erkenntliche Vorankündigung die zweite Sinfonie anstelle der im Programm
angekündigten dritten von Brahms, doch eigentlich war der Berichterstatter nach
Luzern gereist um der Uraufführung des neusten Werks von Wolfgang Rihm willen,
einer Auftragskomposition für Orchester und Orgel. Dieses zwanzigminütige Werk
bettet die Orgel fast völlig in eine sehr reiche Palette von Orchesterfarben
ein, vermischt sich auch mit einzelnen Instrumenten etwa einer Gruppe von
Holzblasinstrumenten, die vorne beim Dirigenten sitzt oder beeinflusst beinahe
unmerklich den vielfach aufgefächerten und ungemein subtil ausgehörten
Orchesterklang. Rihm setzt in seinem neuen Stück auf eine durchgehende Melodie,
er beginnt und endet in zartesten Klängen, erreicht aber im zentralen Teil auch
richtige Klanggewitter, an denen sich die beiden „Orchester" (die Orgel
wird laut dem Komponisten gleichsam als zweites Orchester behandelt)
gleichermassen beteiligen. Orchester, Dirigent und der Organist Leo van
Doeselaar setzten sich für dieses Werk mit aller Sorgfalt und auch Vehemenz
ein.
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4.8.2003
Musikfestival
Verbier : EINE BILANZ
Glückliche Menschen will er sehen
Das Verbier Festival ging mit Mozarts «Jupiter»-Sinfonie und
der «Fünften» von
Mahler zu Ende. James Levine brachte das UBS Verbier Festival Youth Orchestra
nochmals zu einer sehr eindrücklichen Leistung.
DANIEL ANDRES
Glückliche
Menschen auch am Schlusstag des zehnten Musik-Festivalsommers im Walliser Dorf
Verbier. Glücklich sicher auch die nicht wenigen Leute, die die Erarbeitung der
fünften Mahler-Sinfonie von der ersten Probe bis zum Konzert verfolgen konnten,
dank der Verbier-Regelung,
wonach alle
Proben öffentlich sind. «Glückliche Menschen, glückliche Musiker,
glückliche Studenten
und eine nette
Atmosphäre, mehr noch als frühere Jahre, das ist das wichtigste Ergebnis für
mich.» So der Festivaldirektor Martin Engström am Ende des 17-tägigen
Musikmarathons. James Levine arbeitete mit seinen ausserordentlich begabten
jungen Musikern in den Proben hart und konzentriert. So konnte
er viele
Feinheiten der Partitur bei Mahler heraus modellieren, etwa die ganze Palette
der piano-pianissimo- Abstufungen im Adagietto der Sinfonie. Er hatte
hervorragende Blechbläser zur Verfügung,
etwa den jungen
ungarischen Trompeter, der seit vier Jahren dabei ist und fast unfehlbar und mit
grossem Gespür bläst, eine fast makellose Hörnergruppe und wunderbar
sensitive Holzbläser-Solistinnen und -Solisten. Auch die Mozart-Sinfonie geriet
als gelungene Verbindung von Klarheit und Sensibilität.
Überrascht worden
Vorher war das Festivalorchester unter zwei anderen Dirigenten
aufgetreten. Mit Christoph von Dohnanyi
erlebte man einen der Höhepunkte des Festivals in Liedern von Schubert in
Orchesterfassungen von Webern, Brahms, Offenbach und Reger mit dem
unvergleichlichen Thomas Quasthoff als Solisten und der achten Sinfonie von
Dvorak. Der blutjunge Finne Mikko Franck – mit seinen 23 Jahren bereits Chef
in Brüssel –, der Esa-Pekka Salonen ersetzte, brillierte schlagtechnisch in
der Ballettsuite «Der wunderbare Mandarin» von Bela Bartok. In der Begleitung
der unberechenbaren
Martha Argerich
im ersten Klavierkonzert von Beethoven liess er sich mehr als einmal
überraschen und in der fünften Sinfonie von Jean Sibelius konnte er
gestalterisch keineswegs überzeugen.
Orkane von Beifall
Um auf Thomas Quasthoff zurück zu kommen: Der Bariton war in
mehreren Auftritten die eigentliche Sensation
des diesjährgen Festivals. Schon in den Orchesterliedern von Schubert, den
Abend darauf mit Schuberts «Schwanengesang» erschütterte er das ausverkaufte
Konzertzelt. In Brahms-Liedern und am zweit-letzten Abend mit Jean-Yves
Thibaudet in Evergreens aus den USA, das heisst letztlich mit einer grenzenlos
wandelbaren Stimme in allen Ausdrucksbereichen bis zur Louis Armstrong-Imitation
und einem
improvisierten Rap und dazu mit seinem so menschlichen Humor eroberte er sich
alle Herzen und brachte das Publikum zu wahren Beifallsorkanen wie niemand
sonst.
Wie will Martin Engström nach einem solchen Jubiläumsprogramm
im nächsten Jahr noch attraktiv sein? «Das fragt man mich nach jedem
Festival», meint er. «Wie ein Künstler, der nach jeder Glanzleistung beim
nächsten Auftritt wieder auf der vollen Höhe sein muss. Und ich habe noch
viele Ideen. Mit James Levine zusammen ist die Arbeit sehr inspirierend. Wir
sind nicht immer einer Meinung, aber wir ergänzen uns trefflich. Dazu hat er
von anderen Festivals jahrelange Erfahrung, was funktioniert und was nicht.»
Jetzt schon ist Verbier von morgens bis abends mit Musik
erfüllt, mit Vormittagskonzerten in der Kirche, Auftritten der Studenten auf
der Strasse und in Cafés, mit den Kursen, Proben und allabendlichen Konzerten,
dazu noch gratis Spätkonzerte nachts um elf Uhr in der Kirche. «Was
wir noch mehr machen möchten, ist Theater, zusätzlich zum Theaterkurs, den wir
schon anbieten. Und weil viele Konzerte ausverkauft sind, möchten wir
Alternativen bieten, z.B. sämtliche
Klaviersonaten von Beethoven oder die Klavierkonzerte von Mozart in Zyklen mit
jungen Künstlern. Auch für die Leute, die hier wohnen und sich vielleicht ein
teures Konzertticket nicht leisten können.»
13-jähriger Künstler
In den Konzerten treten immer wieder sehr junge Künstler auf,
dieses Jahr der 13-jährige Klarinettist
Julian
Bliss und der knapp zwanzigjährige
Pianist Yundi Li, der bei DG schon einen Plattenvertrag
hat. «Es ist
mein Hobby, junge Talente zu entdecken und zu fördern», sagt Martin Engström.»
Es macht mir auch Spass, wenn das Publikum positiv darauf reagiert. Und wir
haben nicht nur ein enthusiastisches, sondern auch ein urteilsfähiges
Publikum,» fügt er bei
.
Eine Spezialität von Verbier sind die Kammermusikabende, an
denen die unterschiedlichsten Künstler zusammen treffen. «Ich mache 95 Prozent
der Programme», sagt Engström, «die Ideen kommen von mir und die Künstler
machen mit. So hat Martha Argerich hier zum ersten Mal das erste Klaviertrio von
Mendelssohn gespielt, oder das 1. Klavierquartett von Brahms, von dem demnächst
die CD erscheint, oder dieses Jahr das Klavierquartett von Schumann. Ich wähle
Orchesterwerke, die den Dirigenten liegen, die didaktisch fürs Orchester
interessant sind, die dem Publikum gefallen und ich muss grosse Werke
auswählen, damit möglichst alle der über hundert Orchestermusiker
beschäftigt sind.»
Hat das von einer Grossbank finanzierte Orchester auch eine
Zukunft? «Ich kann mir gar n icht vorstellen, dass man eine solche Erfolgsstory
aufgibt.» Geht es nach der dritten, vierten und fünften Sinfonie von Mahler
mit der sechsten, siebenten weiter? «Die sechste und erste haben wir früher
schon im Programm gehabt, nächstes Jahr führen wir von Mahler die ‹Kindertotenlieder›
mit Thomas Quasthoff auf. Mehr vom künftigen Programm will ich nicht
verraten», schliesst Martin Engström.
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Juni 2003/15.06.03
Progetto
Martha Argerich, Lugano
Ein
Klavierfestival mit Martha Argerich und jungen Pianistinnen und Pianisten,
welche die grosse Interpretin fördert. Für das breitere Publikum sind darunter
erstaunliche Entdeckungen. Klaviermusik im breiteren Sinn: Solowerke, Werke mit
Orchester und viel Kammermusik mit Klavier und vorwiegend Streichern. Unter den
letzteren auch berühmte Namen wie der Cellist Mischa Maisky, die Violinistin
Dora Schwarzberg, die Brüder Renaud und Gautier Capuçon.
Das erste Orchesterkonzert mit dem Orchestra
della Svizzera Italiana unter der impulsiven Stabführung von Alexander
Rabinovitch brachte das Violinknzert von Johannes Brahms mit Dora Schwarzberg,
von Beethoven das 2. Klavierkonzert mit Lylia Silverstein und das
Tripelkonzert mit Renaud Capuçon, Mischa Maisky und Martha Argerich. Dora
Schwarzberg interpretiert das Konzert von Brahms sehr frei ausschwingend und in
freier Rhetorik. Es werden nicht Noten gespielt, sondern es wird Musik gemacht,
in einer Haltung, die man nachschöpferisch nennt. Das Orchester und Rabinovitch
gingen gut mit und setzten eigene Akzente, aber in Übereinstimmung mit der
Auffassung der Solistin.
Lilya Zilberstein im 2. Klavierkonzert quirlig,
artikuliert und akzentuiert, "perlend" wie man sagt. Gespannt war man
auf das Tripelkonzert, das immer ein Prüfstein ist und selten vollkommen
gelingt, auch weil es häufig unterschätzt wird. Renaud Capuçon ersetzte den
indisponierten Maxim Vengerov, der möglicherweise besser zu Maisky und der
Argerich gepasst hätte. Aber der junge Geiger spielte schön und elegant und
liess sich von den älteren Partnern mitreissen. Maisky und Arberich wie gewohnt
mit überbordendem Temperament und glückseligen Momenten. Insgesamt eine
Aufführung, die fesselnd war mit Ausnahme des allerletzten Schlusses, der
seltsam unentschlossen endete. Und Maisky liess sich im Adagio die Gelegenheit
zu einer Prachtskantilene entgehen und spielte das Thema eher kleingliedrig.
In der Kirche Sta Maria dei Angioli am folgenden
Vormittag die Pianistin Giorgia Tomassi in einer etwas weichen und leicht
überpedalisierten Partita B-Dur von Bach, Misha Dacic aus Ex-Jugoslawien in zwei
späten Mazurken von Chopin und der "Danse macabre" von Saint-Saëns
in der Bearbeitung Liszt-Horowitz nicht bloss brillant und technisch ohne Fehl,
sondern auch doppelbödig hintergründig. Zusammen hörte man die zwei in
vierhändigen Stücken von Patricelli, rhythmisch vertrackt, an die Etüden von
Ligeti erinnernd und vergnüglich anzuhören. Bemerkenswerte Klangnüancen und
hervorragende Übereinstimmung anschliessend in der vierhändigen Version
von Ravels "Rhapsodie espagnole".
Abends im Radiostudio Lugano Kammermusik vom
Feinsten. Eine erstaunliche, ausgereifte und bewegende Widergabe von Schumanns
Violinsonate d-moll mit Renaud Capuçon und der sehr jungen Russin Polina
Leschenko. Eine üppige aber auch strukturell erfasste Interpretation des
Klavierquartetts in c-moll op. 60 von Brahms mit Dora Schwarzberg, Nora
Romanoff-Schwarzberg, Mischa Maisky und der Venezuelanerin Gabriela Montero.
Dann eine lyrisch wie temperamentvoll ausgeführte Cellosonate op. 119 von
Prokofieff und zum Schluss das ohne Vorbehalte und emphatisch bis zum
Äussersten hingelegte Klavierquintett f-moll von César Franck. Die beiden
Capuçon, Violine und Violoncello, Dora Schwarzberg und Lida Chen, 2. Violine
und Viola, und am Flügel Alexandre Gurning, 30-jähriger gebürtiger Belgier,
setzten sich für das Werk ein.
Das Programm im Internet unter http://www.rtsi.ch/trasm/argerich/welcome.cfm
ist so ausgestaltet, dass man von den Werken und den Interpreten direkt zu den
Biografien verlinkt ist und auf Real Audio kann man bereits die Aufnahme des
Konzerts abhören.
Fortsetzung folgt.
Daniel Andres
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Verbier Festival & Academy 2001
Musikwerkstatt im Bergdorf
Das Musikfestival von Verbier ist am Sonntag mit einem
Sinfoniekonzert des „UBS Verbier Festival Youth Orchestra" unter der
Leitung von James Levine zu Ende gegangen.
Daniel Andres
Damit verabschiedete sich das über hundertköpfige
Jugendorchester mit jungen Berufsmusikern aus 31 Nationen von einem wiederum
begeisterten Publikum. Wiederum war es der unbedingte Einsatz des Orchesters,
welche das ausverkaufte Zelt zu Ovationen hinriss. Doch jugendlicher Elan würde
nicht genügen: es ist auch die hohe Professionalität der Spieler zwischen 16
und 27 Jahren, die immer wieder überzeugt hat. Die Sechste von Tschaikowsky
hatte in den ersten Sätzen viel Power und Präzision, schloss aber mit einem
durch und durch empfundenen Adagio, einem Abgesang ans Leben. Die Erste von
Brahms war im ersten Satz etwas überhastet und in den Registern nicht ganz
ausgewogen, Levine und das Orchester fanden aber ab dem zweiten Satz bis zum
vorbildlich aufgebauten Finale zu einem typisch brahmsischen Streicherklang mit
würdigen Einsätzen von Oboe, Solovioline und Horn sowie hervorragenden
Interventionen des Blechs.
Das „UBS Verbier Festival Youth Orchestra" hat fürs
Erste eine gesicherte Zukunft. Die UBS hat sich für die Finanzierung in den
nächsten vier Jahren verpflichtet und James Levine wurde für die gleiche Dauer
als künstlerischer Leiter vertraglich gebunden. Im kommenden Herbst wird es mit
den Dirigenten Pavo Jäärvi und James Levine in sieben Städten Nord- und
Südamerikas gastieren. Und nächstes Jahr wiederum die Sinfoniekonzerte in
Verbier bestreiten, wofür die Dirigenten Kurt Masur, Zubin Mehta und Michael
Tilson-Thomas neben Levine bereits zugesagt haben.
Einer der Festival-Höhepunkte dürfte das Konzert unter
Wolfgang Sawallisch gewesen sein. Der achtzigjährige Altmeister verstand es an
den Proben die jungen Spieler und auch die jungen Solisten in Beethovens
Tripelkonzert (Lang Lang, Klavier, Sayaka Shoji, Violine, Jian Wang,
Violoncello) mit knappen, aber goldrichtigen Anweisungen innert kürzester Zeit
zu profilierten Interpretationen der Werke von Brahms, Beethoven und Schumann
führte. Es ist selten, dass man das Tripelkonzert so musikalisch aus einem Guss
hört.
Aber auch die dritte Sinfonie von Gustav Mahler mit der Altistin
Birgitta Svenden war eine Herausforderung für das hervorragend besetzte
Jugendorchester, die dieses unter James Levine spannend im ersten Satz, gelöst
in den mittleren Teilen und voller Ruhe im abschliessenden sechsten Satz
meisterte.
Kent Nagano und Mikhail Pletnev hatten Mühe, sich im
Klavierkonzert b-moll von Tschaikowsky auf eine musikalische Linie zu einigen.
Dagegen führte Nagano das Jugendorchester erfolg- und farbenreich durch die
vollständige Ballettmusik von Strawinskis „Feuervogel". Am Pult des
Orchester stand ganz zu Beginn schliesllich auch Yuri Temirkanov, der einen
lärmigen Chatchaturian (Gayaneh), mit Martha Argerich ein knisterndes 3.
Klavierkonzert von Prokofiev und eine zügige und dramatische Fünfte von
Tschaikowsky bot.
Der Reiz von Verbier sind nicht bloss die zahlreichen zum
Anfassen nahen Weltstars. Das Ziel von Festivaldirektor Martin Engström, aus
Verbier im Sommer während gut zwei Wochen eine einzige grosse Musikwerkstatt zu
machen, wurde dieses Jahr wie selten zuvor erreicht. Dazu tragen die
öffentlichen Proben von Orchester und Kammermusikgruppen bei, die Möglichkeit
fürs Publikum, dieses Jahr in Ausschnitten aus dem „Messias" von Händel
mitzusingen, die späten allabendlichen Konzerte der Orchestermitglieder in der
reformierten Kapelle und vor allem auch die „Academy" mit hervorragenden
Musikpädagogen, an denen auch dieses Jahr je acht ausgewählte Teilnehmerinnen
aus aller Welt teilnahmen. Vor allem der Kurs der über achtzigjährigen Ida
Haendel weckte grosse Zustimmung. Und neben den grossen Namen treten am Festival
auch zum Teil sehr junge Talente auf, von denen einige auf den ersten Sprossen
einer viel versprechenden Karriereleiter stehen. Der 19-jährige Ilya Gringolts
hat sich bereits bestätigt und kriegte neu einen Plattenvertrag mit der „Deutschen
Grammophon", die junge Cellistin Han-Na Chang hat das Publikum in einem
Rezital sehr überzeugt und die erst 16-jährige japanische Geigerin Sayaka
Shoji dürfte wie die gleichaltrige Koreanerin Yura Lee und der 19-jährige
Pianist Lang Lang vor einer aussichtsreichen Laufbahn stehen.
Gidon Kremer konnte in der Kammermusik mit Yuri Bashmet, Mischa
Maisky und Martha Argerich überzeugen, nicht aber in seinem Auftritt mit der
Kremerata Baltica, wobei es am Programm lag. Bearbeitungen von Tschaikowskys „Jahreszeiten",
der Dante-Sonate von Liszt und von Tangos von Piazzolla und eine weitere
Jahreszeiten-Komposition des Russen Leonod Arkad’yerich Desyatnikov waren
wenig originell und ziemlich überflüssig und riefen eher Höflichkeitsapplaus
denn Begeisterung hervor. Dafür zeigte sich der Pianist Manuel Ax als
meisterlicher Gestalter und vor allem auch als einfühlsamer Kammermusiker, der
Impulse gab, ohne sich in dern Vordergrund zu drängen.
Eher enttäuschend wiederum die tschechische Mezzosopranistin
Magdalena Kozena. Sie hat einfach nicht die Stimme, als dass man begreifen
könnte, warum sie derzeit so gepusht wird. Mehrere Leute, die in Verbier
erstmals auftraten, konnten dagegen voll überzeugen, so der Pianist Leif Ove
Andsnes oder der Geiger Laurent Korcia, welcher mit den sechs Sonaten für
Violine-Solo von Eugène Ysaïe eine stark applaudierte und äusserst
überzeugende Parforce-Leistung bot.
Catherine
Plattner, Stimmführerin der 2. Violinen, stammt aus Genf und ist im zweiten
Jahr Mitglied des „UBS Verbier Festival Youth Orchestra". Sie ist eine
von drei Schweizern im Orchester, das Menschen aus 31 Nationen vereint.
„Ich habe mein Diplom in Genf beim SMPV (Schweizerischer
Musikpädagogischer Verband) gemacht und keine Konzertausbildung absolviert.
1998 habe ich die Academy in Verbier besucht und mich dann für das Youth
Orchestra beworben. Ich habe sonst nie Meisterkurse besucht. Umso überraschter
war ich, als ich dieses Jahr als Stimmführerin der 2. Violinen gewählt
wurde."
„Letztes Jahr gab es noch mehr Rotation unter den Streichern,
doch in diesem Jahr sind die Positionen an den Pulten ziemlich fest. Wir
alternieren noch als Stimmführer am ersten Pult. Aber als ich letztes Jahr an
den hinteren Pulten sass, habe ich gemerkt, dass man auch da vollen Einsatz
geben muss. Jedenfalls habe ich grossen Respekt vor allen Mitspielern."
„Das Orchester wird immer besser. Das merken auch die
Dirigenten und fordern entsprechend immer mehr. Das spornt uns wiederum an und
so steigt die Qualität dauernd an."
„Ich profitiere enorm von den Erfahrungen mit den
verschiedenen Dirigenten. Normalerweise habe ich eine Stelle im „Orchestre de
chambre de Genève", aber im Sommer und für die Tourneen möchte ich so
lange wie möglich in diesem Orchester spielen, weil ich viel lerne und weil es
unglaublich Freude macht."
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Verbier
Festival&Academy 2000